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Die zweite Sprachstanderhebung im Rahmen des Pilotprojekts «Frühe Deutschförderung» der Stadt Schaffhausen ist abgeschlossen. Dabei hat sich gezeigt, dass etwas weniger Kinder gar keine oder fast keine Deutschkenntnisse haben als im Vorjahr.

von Daniel Jung

Im Januar 2020 wurden im Rahmen der zweiten Sprachstanderhebung in der Stadt Schaffhausen 340 Familien mit Kindern im Alter von 2,5 bis 3,5 Jahren angeschrieben. In einem Fragebogen nehmen die Eltern eine Einschätzung des Sprachstandes ihres Kindes vor. Die Rücklaufquote der Fragebogen betrug 95 Prozent. «Das ist ein sehr erfreulicher Wert», sagt Bildungsreferent Raphaël Rohner. Die Auswertung der Fragebogen erfolgt jeweils durch die Universität Basel.

Für gut jedes dritte Kind – 35 Prozent – sprach die Stadt Schaffhausen eine Sprachförderempfehlung aus. Im Vorjahr hatten noch 37 Prozent der Kinder eine solche Empfehlung erhalten. Die vorgeschlagene Fördermassnahme, die freiwillig ist, besteht aus einem einjährigen Besuch einer Spielgruppe mit dem Fokus auf Sprachförderung und Integration, an mindestens zwei Halbtagen pro Woche.


Leichter Anstieg des Sprachniveaus

Gemäss den Ergebnissen der Sprachstanderhebung sind die Sprachniveaus der Kinder im Vergleich zum Vorjahr etwas besser. Alle Kinder mit Sprachförderempfehlung werden in sechs Deutschniveaus eingeteilt. 6 ist dabei das höchste, 1 das tiefste Niveau. Mirjam Vock, Projektleiterin Frühe Deutschförderung, erklärt: «Davon entsprechen die Kinder mit Niveau 1 und 2 in diesem Jahr 35,1 Prozent.» Letztes Jahr waren es in diesen tiefen Niveaus noch 44,1 Prozent gewesen. Der Prozentsatz der Kinder ohne oder nahezu ohne Deutschkenntnisse ist im Vergleich also um neun Prozentpunkte gesunken.

«Nach der zweiten Sprachstanderhebung ist klar: Es besteht hier Handlungsbedarf.»

Raphaël Rohner, Bildungsreferent Stadt Schaffhausen

Eine Interpretation dieser Veränderungen ist schwierig. Bildungsreferent Raphaël Rohner sagt: «Es könnte ein erstes Zeichen sein, dass mehr Eltern erkannt haben, dass die Sprachförderung ihrer Kinder wichtig ist.» Es dürfte also eine gewisse Sensibilisierung stattgefunden haben. «Nach der zweiten Sprachstanderhebung ist aber klar: Es besteht hier Handlungsbedarf.» Etwas mehr als ein Drittel der Kinder weise auch in diesem Jahr bei ihren Deutschkenntnissen klare Defizite auf. Deshalb sei es für den späteren Bildungserfolg wichtig, dass diese Kinder vor dem Eintritt in den Kindergarten schon Schweizer Mundart lernen. «Für die Integration ist das matchentscheidend», sagt der Bildungsreferent. Wenn möglichst viele Kinder Deutschkenntnisse haben, werde auch die Volksschule als System entlastet.

Die Auswertung der Fragebogen hat gezeigt, dass fremdsprachige Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen signifikant seltener eine deutschsprachige Betreuungseinrichtung besuchen als fremdsprachige Kinder mit ausreichenden Deutschkenntnissen. Es ist aber noch zu früh, um konkrete Aussagen über die Wirksamkeit der Sprachförderung in den Spielgruppen und Krippen zu machen. Im Rahmen einer Wirksamkeitsanalyse wird derzeit sowohl die Sicht der Eltern wie auch der Kindergarten-Lehrpersonen untersucht. «Davon versprechen wir uns neue Erkenntnisse», sagt Vock. Auch ist nicht klar, wie viele Kinder aufgrund der Sprachstanderhebung tatsächlich ein Förderangebot besuchen. «Die lückenlose Dokumentation der Programmteilnahme ist schwierig», sagt Vock. Die Institutionen registrierten aber vermehrt Anmeldungen aufgrund der Sprachförderempfehlungen. «Aufgrund der Datenschutzrichtlinien verfügen wir jedoch nicht über die Information, welche Kinder sich tatsächlich aufgrund der Empfehlung angemeldet haben und in welcher Institution sie nun sind.» Da das Programm mindestens in der fünfjährigen Pilotphase vollständig auf Freiwilligkeit basiert, kann die Stadt diese Daten nicht schlüssig erheben. «Wir erhoffen uns aber, durch die Wirksamkeitsanalyse insbesondere über den Kontakt zu den Eltern mehr Informationen diesbezüglich zu erhalten», sagt Vock. Zu Beginn der Coronakrise waren die Spielgruppen geschlossen, wie andere Bildungsinstitutionen auch. «In der Zeit des Lockdowns besuchten die Kids keine Spielgruppen», so Vock. Es liegen ihr aber auch keine Informationen vor, dass es wegen der Coronakrise vermehrt zu Austritten kam.


Förderangebot wird ausgebaut

In der Stadt bieten inzwischen verschiedene Einrichtungen eine alltagsintegrierte Sprachförderung an. Dazu gehören nebst den zwei städtischen Kitas auch mehrere privat geführte Betreuungsinstitutionen sowie die vier «Mitenand»-Spielgruppen. «Das Angebot wird jährlich ausgebaut», so Vock. In den letzten zwei Jahren wurden Fachpersonen aus diversen Institutionen in Sprachförderung ausgebildet.

Die nächste Sprachstanderhebung findet Anfang 2021 statt. Die betreffenden Familien werden angeschrieben und bekommen einen Fragebogen zugeschickt. Ende März gibt es wieder eine Evaluation der Uni Basel, und im April 2021 folgen die nächsten Sprachförderempfehlungen.